Kein Dach überm Kopf (I): Die Wochenblatt-Serie beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit in der Großstadt – Den Beginn macht die Vesperkirche, die pandemiebedingt im kleineren Rahmen in die sieben Wochen startet.

 

 

 

S-Mitte In der Leonhardskirche laufen am Dienstagmorgen die Vorbereitungen für die Vesperkirche auf Hoch­touren. Die Kirchenbänke wurden entfernt, und der empfindliche Sandstein­boden wurde durch einen zweiten Boden aus Holz geschützt. Nun werden Tische und Stühle für die Besucher aufgebaut. Zwar wurde am Montag beschlossen, die Kirche zunächst nicht zu öffnen und nur Essen to go anzubieten. Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann hofft jedoch, dass sich die pandemische Situation im Lauf der sieben Wochen zum Positiven entwickeln wird.

„Wir werden zwar die Kirche erst mal nicht öffnen, aber wir werden Essen to go ausgeben. Wir werden präsent sein für Seelsorge und Beratungsgespräche.“ Der spirituelle Aspekt soll auch in diesem Jahr nicht zu kurz kommen. Die Vesperkirche lädt jeden Nachmittag um 15 Uhr zu einem kleinen Nachtisch ein. „Der Nachtisch wird draußen stattfinden, mit einem Lied oder musika­lischer Unterstützung und einem Wort zum Nachdenken“, ergänzt Ehrmann.

Nach dem Eröffnungsgottesdienst gibt es am Sonntag die Möglichkeit für die Vesperkirchengästen, sich von zwei mobilen Impfteams gegen Corona impfen zu lassen. In den vergan­genen Wochen waren die Impfteams schon in den Wohnheimen unterwegs und haben die Wohnsitz­losen geimpft.

Die Impfbereitschaft bei den Obdachlosen sei hingegen nicht ganz so hoch. „Viele haben einfach auch Angst oder sind sich unsicher – wie auch in der restlichen Gesellschaft“, sagt Ehrmann. Das Team der Vesperkirche rechnet aktuell, wie auch im letzten Jahr, mit 600 Mahlzeiten täglich. „Meist ist in der ersten Woche weniger los. Doch von Tag zu Tag merkt man, dass mehr Leute vorbeikommen.“

Beworben wird die Vesperkirche mit Plakaten in den Kirchengemeinden und auf der Homepage. „Menschen, die keinen Zugriff auf digitale Medien haben, sind besser informiert, als die meisten denken. Sie glauben gar nicht, wie schnell sich die Aktion der Vesperkirche unter den Obdach- und Wohnsitzlosen herumspricht. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert sehr gut“, erklärt sie. Aber nicht nur obdachlose Menschen oder Bewohner der vielen Wohnheime nutzen das Angebot der Kirche. „Es gibt verschiedene Gästegruppen bei uns in der Vesperkirche. Es gibt viele Senioren mit einer kleinen Rente, die teilweise schon mehrere Jahre zu uns kommen. Aber auch Arbeitslose nehmen die Angebote gern wahr.“ Auch unter den ehrenamtlichen Helfern sind viele dabei, die jedes Jahr ihre Hilfe anbieten. In den Jahren vor der Pandemie waren es knapp 900 Freiwillige, die in den sieben Wochen die Vesperkirche zu dem machen, was sie ist. Ehrmann ist sehr dankbar über die große Hilfsbereitschaft. „Ohne die Hilfe durch das Tun vor Ort und die mentale Unterstützung könnte die Vesperkirche gar nicht stattfinden.“

Das Projekt der evangelischen Kirche soll nicht nur dazu da sein, um Bedürf­tige satt zu machen. Außerhalb der Pandemie bieten auch Friseure, Ärzte, Fußpflege oder Tierärzte kostenlos ihre Dienste an. An den langen Tischen kommen dann ganz unterschiedliche Menschen ins Gespräch. Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, mit wenig Hierarchien und dann voneinander zu lernen, das sei wichtig. Die Vesperkirche soll ein Ort sein, an dem alle Platz haben und keiner ausgeschlossen wird.

„Ich glaube die Vielfalt der Menschen macht die Vesperkirche aus. Zum einen die Vielfalt an den Menschen, die kommen, aber auch die mithelfen. Da sitzt ein Azubi neben jemandem aus dem Ruhestand, da erfahren beide Neues, und es kommen immer spannende Gespräche zustande. Und ich als Theologin sehe es so, dass Gott auch mit dabei ist und mit am Tisch sitzt. Das ist eine schöne Vorstellung“, sagt die Pfarrerin. Die Vesperkirche finanziert sich ausschließlich über Spenden. „Wir freuen uns natürlich immer über Unterstützung. Ob in Form von kleinen oder großen Geldspenden, im Gebet oder über Sachspenden. Wir sind sehr dankbar für jede Spende und haben viele Menschen, die beispielsweise Socken stricken, die wir dann ausgeben“, erklärt Ehrmann. Trotz der langen Tradition in Stuttgart wünscht sich Diakoniepfarrerin Ehrmann, dass es die Vesperkirche irgendwann nicht mehr braucht.

„Wir hoffen alle, dass sich die Situation der Bedürftigen in Zukunft bessert und sie auch ohne die Vesperkirche und all die anderen Unterstützungen ein gutes Leben führen können. Das wäre unser Ziel, und daran arbeiten wir.“

 

Vesperkirchen- und Serien-Auftakt 

Was bedeutet es, in einer großen Stadt wie Stuttgart obdachlos  zu leben? Die Serie „Kein Dach überm Kopf“ geht in den kommenden Wochen dieser und vielen weiteren Fragen nach. Die Vesperkirche in  – dieses Jahr eher wieder vor – der Leonhardskirche ist ein Vorzeigeprojekt, das zahlreiche Städte imitiert haben. Ziel ist es, dass Menschen  zusammenkommen, ganz gleich, woher sie stammen oder welche Vergangenheit sie haben. Am Sonntag, um 10 Uhr, beginnt die Vesper­kirche  mit einem Gottesdienst. Bis zum 5. März können die Besucher täglich, von 11.30 bis 14 Uhr, eine warme Mahlzeit am Ausgabeschalter der Magdalenenkapelle abholen. Ein Vesper to go ist von 14 bis 15 Uhr vorgesehen.  Mahlzeiten gibt es auch über die Essensausgabestellen der Kooperationspartner Eva, Bahnhofsmission, Olgastraße 46 und Paulinenbrücke. Wer die Vesperkirche unterstützen möchte, findet alle Informationen  dazu  online auf der Homepage unter: www.vesperkirche.de/