Kein Dach überm Kopf (III): Die Wochenblatt-Serie beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit in der Großstadt – Was passiert, wenn ein Betroffener mal krank wird?

 

 

 

Eine unkomplizierte ärzt­liche Versorgung ist für die meisten, zum Glück, selbstverständlich. Doch was tun Menschen, die auf der Straße leben und keine Krankenversicherung haben, wenn sie sich verletzen oder krank werden? Nicht selten nehmen obdachlose Mensch viel zu spät medizinische Hilfe in Anspruch. Das MedMobil bietet unkomplizierte medizinische Hilfe für alle. Das Angebot richtet sich besonders an wohnungslose Menschen, die aus dem Gesundheitssystem gefallen sind. „Das MedMobil ist ein Angebot für wohnungslose Menschen, damit sie unbürokratisch, niederschwellig und anonym Hilfe bekommen“, erklärt Andrea Günther. Sie ist Sozialarbeiterin beim MedMobil und – neben dem Team aus Ärzten und Krankenpflegern – bei jedem Einsatz dabei.

Wer zum MedMobil kommt, muss sich weder ausweisen noch eine Krankenver­sicherung haben. Außerdem ist das Angebot pseudo-anonymisiert. „Die Menschen nennen uns den ersten Buchstaben ihres Vornamens, den ersten Buchstaben ihres Nachnamens und das Geburtsdatum. Mit diesem Patientenschlüssel legen wir dann eine Akte an“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Anders als viele andere Hilfsorganisationen wird das MedMobil teilweise von der Stadt Stuttgart finanziert. So konnten drei Sozialarbeiter und eine Krankenschwester dauerhaft angestellt werden. Die rund 30 Ärzte und Krankenpfleger arbeiten jedoch alle ehrenamtlich mit. Auch die apothekenpflichtigen Medikamente und Verbandsmaterialien, die das Team an Bord hat, werden von der Stadt Stuttgart bezahlt. Das MedMobil arbeitet mit etwa 15 kooperierenden Arztpraxen in Stuttgart zusammen. „Wenn ein Patient ein verschreibungspflich­tiges Medikament benötigt, können wir dort schnell einen Termin vereinbaren. Der Patient bekommt dort ein Rezept ausgestellt und kann damit dann direkt in die Apotheke gehen“, erklärt Günther.

Wer sich das Medikament nicht leisten kann, kann sich beim MedMobil einen Apothekenschein erstellen lassen. Damit kann der Patient das Medikament kostenlos in der Apotheke abholen. Die Rechnungen dafür werden aus einem Spendentopf bezahlt. Der Umweg über die Arztpraxis ist bewusst. „Wir sprechen uns dagegen aus, verschreibungspflichtige Medikamente abzugeben und Rezepte zu schreiben, da wir gern hätten, dass der Patient in eine reguläre Arztpraxis geht. Die Ausstattung in einer solchen Arztpraxis ist natürlich deutlich besser als bei uns im MedMobil. Dort bekommen sie das gute Gesundheitssystem, das allen zur Verfügung steht“, sagt Günther.

Leider gehen Wohnungs­losigkeit und Alkohol- und Drogensucht meist Hand in Hand. Ob die Wohnungslosigkeit Folge oder Auslöser der Sucht ist, ist sehr individuell. Das Team des Med­Mobils versucht, Betroffene im Gespräch Hilfe aus der Sucht anzubieten. „Im Nachgang werden die Menschen dann beraten und geschaut, ob sie vielleicht einen Entzug oder eine Suchttherapie machen möchten. Wir vermitteln dann an verschiedene Suchtberatungsstellen“, erklärt die Sozialarbeiterin.

Auch Spritzentausch gehört zur Arbeit des Med­Mobils. „Es ist wichtig, dass die Suchtkranken nicht immer dieselben Spritzen nutzen. Sie können die alten Spritzen bei uns abgeben und bekommen anschließend im Tausch neue ausgeteilt.“ Günther habe sich bewusst für die Arbeit im MedMobil entschieden. „Es ist toll, endlich jemandem helfen zu können, den man schon seit drei Jahren regelmäßig sieht und der davor die Hilfe immer abgelehnt hat“, sagt sie.

Das MedMobil hält mittwochs, von 11.00 bis 13.00 Uhr, an der Paulinenbrücke, donnerstags, von 17.00 bis 19.00 Uhr, im Oberen Schlossgarten oder montags und freitags, von 10.00 bis 12.00 Uhr, im Café 72.

 

 

Obdachlos in der Großstadt

Was bedeutet es, in einer großen Stadt wie Stuttgart obdachlos zu leben? Die Serie „Kein Dach überm Kopf“ geht in den kommenden Wochen dieser und vielen weiteren Fragen nach.
Träger von MedMobil ist der Verein  Ambulante Hilfe in Kooperation mit Ärzte der Welt, Sozialberatung Stuttgart, der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart  und dem Caritasverband für Stuttgart. Weitere Informationen zum MedMobil und wo es regelmäßig unterwegs ist, gibt es unter www.ambulantehilfestuttgart.de/medmobil.