Ich kenne den „lieben Gott“ schon, seit ich ein kleiner Knirps war. Damals habe ich ihn oft beschimpft. Das war in den Jahren nach 1973, als mich meine Eltern im Alter von einem Jahr ins Kinderheim steckten und erst mit knapp zehn Jahren wieder herausholten. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Das war immerhin die wichtigste Zeit meines Lebens. Während andere Kinder jeden Abend zu Hause in ihrem Bett bei Mama und Papa einschlafen durften, lag ich weinend in meinem Stockbett und mit fünf anderen Kindern im Zimmer. Oft wurden wir geschlagen, weil wir frech waren oder genervt haben. Das hat niemand mitbekommen oder interessiert. Das Kinderheim lag gut versteckt auf einem Berg, fernab von der nächsten Stadt. Ich weiß noch, wie ich am Fenster stand und dem „lieben Gott“ die Schuld an meiner Situation gegeben habe.
Heute weiß ich, wie ich durch diese Zeit getragen wurde. Ohne meinen Glauben hätte ich diese schlimme Zeit wohl nicht so überstanden. Allerdings wird man ja sofort belächelt, wenn man sagt, man glaube an Gott. Aber warum? Wenn alles, was ich über den Glauben weiß, nicht stimmen sollte, dann habe ich nichts verloren. Wenn ich nicht lügen, niemanden töten, niemanden beklauen will und versuche, jeden Menschen so zu akzeptieren, wie er ist, dann verliere ich nichts. Ich gewinne etwas! Beschimpft habe ich meinen besten Freund nicht mehr, denn ich habe verstanden, dass ich nicht allein bin, wenn Gott mein bester Freund ist.
Schönes Wochenende,  
 Euer Ostermann