Der künstlerische Leiter der Stuttgarter Kammerorchesters geht im 75. Jahr des SKO neue Wege.

 

 

Markus Korselt ist sicher ein ruhiger Mensch, den nichts so schnell aus der Ruhe zu bringen scheint. Aber die Corona-Pandemie stellt auch ein musikalisches Ensemble wie das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) vor neue Herausforderungen. Der Künstlerische Leiter und Intendant des SKO hat alle Hände voll zu tun. Vor allem die Sorge um das Sponsoring treibt ihn um. „Wir leben von 40 Prozent Eigenfinanzierung. Gerade sind wir bei Null.“ Förderer selbst könnten gerade weniger geben. Das Aktienportfolio habe sich halbiert. Kurz nach dem Interview mit Markus Korselt ist auch ein Freund und wichtiger Mäzen des SKO gestorben: Helmut Nanz, der Ehrenvorsitzende, der wichtige Kontakte pflegte, der Türen öffnen konnte, auch für den 45jährigen Intendanten, und der Projekte ermöglich hat, die ohne finanzielle Unterstützung nicht realisierbar gewesen wären.

Trotzdem geht der Cellist und Kulturmanager, gebürtig in Herdecke bei Dortmund, mit den Anforderungen an das Kammerensembles realistisch um. Das soziale Engagement ist in den vergangenen Wochen weiter ausgebaut worden. „In Esslingen hatten wir einen rührenden Auftritt bei einem 106. Geburtstag.“ Mit einer Paten-Gruppe in Mumbai habe man ein Bollywood-Video aufgenommen. Schon vor der Corona-Krise hat Korselt auf Musik, die auch digital zu vermitteln ist, gesetzt. „Man kann mit uns Führungsseminare machen, mit oder ohne VR-Brille durch das Orchester spazieren.“ Auf Tourneen werden spezielle Programme gemacht, wie neue Erkenntnisse zum Lagenwechsel auf der Geige. Was den Vater eines kleinen Tristan am Stuttgarter Kammerorchester seit seiner Amtszeit im Jahr 2017 reizt, sind die Gestaltungsmöglichkeiten und die Spielwiese, die ein an Köpfen überschaubares, professionelles Ensemble bietet. Dabei schreckt der studierte Cellist und Kulturmanager – absolviert nebenberuflich an Wochenenden an der PH Ludwigsburg - auch vor „Crossover“ nicht zurück.

Der frühere Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sowie der Meister- und Kammerkonzerte Innsbruck und künstlerischer Leiter der Homburger Meisterkonzerte hat Werke des Stuttgarter Hofkomponisten Brescianello dem Elektro-Cembalist John Kameel Farah gegeben. „Gute Musik hält jede Mode aus.“ Vor 75 Jahren sah der Stil des SKO ganz anders aus. Gründungsvater war Karl Münchinger. „Mich fasziniert an Aufnahmen mit Karl Münchinger vor allem die Präzision und die Ernsthaftigkeit, wie er an Stücke heranging.“ Nicht selbstverständlich sei auch gewesen, dass der erste SKO-Dirigent Mozart federleicht interpretierte. Mit vielen herausragenden Orchesterleitern wie Dennis Russell Davies oder Michael Hofstetter hat das Ensemble, das wie die Bachakademie ihren Sitz am Johann-Sebastian-Platz hat, in einem dreiviertel Jahrhundert zusammengearbeitet. Heute ist Thomas Zehetmair der Chefdirigent. Bekannte Solisten waren unter anderem Fazıl Say, Julia Fischer oder Hélène Grimaud. „Vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert“, sagt Korselt.

Früher habe man rund 20 Proben für eine Aufnahme gehabt. „Heute muss sie nach fünf Proben fertig sein.“ Und: „Die musikalisch-technische Qualität ist heute auf einem ganz anderen Niveau.“ Der Altersdurchschnitt der SKO-Instrumentalisten liege bei 38 Jahre, „17 junge Solisten, die sich in der Liebe zur Kammermusik zusammenfinden“ – und die man besonders in Krisenzeiten mit neuen Ideen bei Laune halten muss. Die Hoffnung steigt, dass man mit einem Kammer-Ensemble auch wieder auftreten kann, im Notfall - so Korselt, mit „Mundschutz-Masken.“