Der Wahl-Stuttgarter gehört zu den international bedeutendsten Künstlern.

 

 

„Ich bin ein Maler, der mit Emotionen arbeitet, aber sehr genau reflektiert“, sagt der Wahl-Stuttgarter, der zu den international bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern zählt. „Für das Verständnis meiner Arbeiten ist ein Blick in die Vergangenheit unumgänglich.“ Ben Willikens, ganz in Schwarz, die weißen Haare aus der Stirn gekämmt, deutet mit einer Handbewegung auf die vielen Bilder, die die Wände seines Ateliers bedecken. Es sind Raumansichten, deren kühle, fast analytische Strichführung durch die Farbwahl noch unterstrichen wird und die beim Betrachter eine Mischung aus Faszination und leichtem Unbehagen auslösen. Lebendes sucht man vergebens. „Ich wurde kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren.“

Mit bemerkenswert ruhiger Stimme lässt der 80-Jährige seine Kindheit und Jugend wiederauferstehen, erzählt von der Flucht aus Leipzig nach Westdeutschland, die in einem heruntergekommenen Hotel endet; von der Mutter, die die Familie mit Schneiderarbeiten durchbringt und es trotzdem schafft, den Sohn auf das Gymnasium zu schicken; vom „so tun als ob“, so dass keiner der betuchten Schulkameraden von der eigenen Armut erfährt; von der zweiten Ehe der Mutter, die dazu führt, dass die Familie den Wohnsitz wechselt und ihn zurücklässt. „Mit 16 Jahren war ich auf mich allein gestellt, hatte keine Bezugsperson“, so die bittere Bilanz.

Als er gegen den Willen des Stiefvaters Kunst studiert, kommt es zum endgültigen Bruch; um sein Studium zu finanzieren, schlägt Willikens sich mit Nebenjobs durch. Irgendwann holen ihn die lang verdrängten Erlebnisse ein, ein Klinikaufenthalt wird unumgänglich. Eine harte Erfahrung, aber auch eine zukunftweisende: „Ich war am existenziellen Nullpunkt. Doch zugleich war es die Geburtsstunde meines Werkkonzepts.“ Die „Anstaltsbilder“, die in dieser Phase entstehen, zeigen Räume, grau, anonym und seltsam steril. Hier eine Bahre, dort ein vergittertes Fenster – die Abwesenheit alles Menschlichen als Symbol für das Fehlen von Menschlichkeit, im Kleinen wie im Großen. Sie machen ihn schlagartig bekannt. In den Jahrzehnten seines Schaffens gelingt es Willikens, aus einer einzigen großen Idee ein ganzes Spektrum zu entwickeln.

„In den 70er Jahren waren meine Werke sehr negativ besetzt. Später habe ich die psychisch belastenden Sachen ausgeräumt und mit der Serie ‚Gegenräume‘ begonnen.“ Obgleich er im Laufe der Jahre artistischer wurde, sei die Grundierung stets die gleiche geblieben; als heiter lasse sich seine Kunst auch heute kaum bezeichnen. Das Bild, das ihm persönlich am meisten bedeutet, hat keinerlei stilistische Bedeutung für seine Arbeit. Es ist ein Aquarell aus jüngerer Zeit. In schwarzen, grauen und orangen Tönen gehalten zieht seine Emotionalität in den Bann und ruft ein diffuses Gefühl von Bedrohung hervor. Es zeigt die Bombardierung Leipzigs, die Willikens als Vierjähriger außerhalb schützender Bunkermauern durchlitt. „Ein Kindheitserlebnis, von dem ich eines Nachts träumte und das ich ganz unbewusst zu Papier gebracht habe.“