An insgesamt drei Ausstellungsorten können Interessierte in den kommenden Wochen erleben, wie sich Kunst entwickelt.

 

 

Der alltägliche Stress schiebt die Menschen durch die Stadt – mit Scheuklappen und dem nächsten Termin im Hinterkopf. Der Blick für den Weg zum angestrebten Ziel geht auf Kosten der allgemeinen Geschäftigkeit verloren. Keiner guckt links, keiner guckt rechts. Normalerweise. Denn seit ein paar Wochen tut sich etwas im Stadtbild. Etwas, das man gar nicht übersehen kann. Es liegt ein besonderer Geruch in der Luft, ein leises Zischen erreicht die Ohren und unerwartete Farbreize lassen die Augen wandern. Schauplatz ist der Bonatzbau. Hochfrequentiert, Dreh- und Angelpunkt und roh urban – die perfekte Plattform für eine Kunstform, die in dieser Atmosphäre leibt und lebt.

Das Projekt „Secret Walls Gallery“ des Kunstmuseums Stuttgart, gemeinsam mit der Deutschen Bahn, füllt die Bahnhofshalle zunehmend mit bunten Graffiti. Noch bis Ende Herbst stehen namhafte Künstler der Szene im Bonatzbau und machen die Wände, bis zur endgültigen Sanierung, zu einem Sinnesrausch. Stehen bleiben, sich umsehen, mit den Künstlern reden – alles erlaubt. „Diese unerwarteten Momente sind es, die eine Stadt lebenswert machen. Wir hätten uns keinen besseren Schauplatz als den Bonatzbau vorstellen können“, schwärmt Moritz Vachenauer, Kurator und Projektsteuerung der Secret Walls Gallery. Besonders Graffiti sind aus einem modernen Stadtbild nicht mehr wegzudenken. An der Grenze zum Vandalismus haben sich Graffiti etabliert, doch zunehmend legale Wirkungsstätten schaffen einen neuen Lebensraum für die Kunstform. Insgesamt 83 Künstler sind vor Ort und besprühen über 50 Flächen im Bonatzbau – manche direkt auf die Wand, andere auf Leinwände.

„Die Recherche für das Thema war sehr interessant. Oft ging sie über mehrere Ecken und Kontakte, um die Künstler zu finden. Alle Altersgruppen von Leuten, die in Stuttgart aktiv waren, sind in diesem Projekt vertreten. In vier Wochen werden dann alle freien Flächen belegt sein. Das bedeutet, das Gesamtbild verändert sich jeden Tag“, sagt Vachenauer. Auch für die Deutsche Bahn ist das Projekt einmalig. „Dies ist ein besonderer Tag für mich als Bahnhofsmanager“, freut sich Nikolaus Hebding, Leiter Bahnhofsmanagement der Deutschen Bahn, bei der Eröffnung. „Wir schaffen eine Plattform für Kultur im öffentlichen Raum. Viele Menschen gehen jeden Tag durch den Hauptbahnhof, das Projekt macht den Bonatzbau derzeit zu einem absoluten Highlight. Passanten bleiben stehen, schauen sich um und können beobachten, wie sich die Kunst entwickelt.“

Neben der temporären Graffitigalerie im Bonatzbau gehören eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart und im Stadtpalais zum Gesamtkonzept. Ab Samstag, 26. September, können sich Besucher tiefer mit der Kunstform auseinandersetzen. Die Ausstellung „Graffiti im Kessel“ im Stadtpalais befasst sich mit der Entwicklung der Graffiti in Stuttgart. Ausgangspunkt sind Bild- und Archivmaterialien geschichtsträchtiger Stuttgarter Wände. „Im Kunstmuseum wird im Speziellen zu sehen sein, wie sich die Künstler seit Mitte der 1960er Jahre mit der Wand befassen“, sagt Anne Vieth, Kuratorin und Gesamtkonzeption des Projekts „Wände/Walls“. Teil der Ausstellung sind 30 internationale Leihgaben von Monica Bonvicini, Maurizio Cattelan, Yoko Ono und vielen mehr. Gezeigt wird Wandmalerei, aber auch performative, skulpturale und installative Ansätze.

 

 

Online

Mehr zu den Ausstellungen gibt es unter www.kunstmuseum-stuttgart.de