Seit 25 Jahren feiern Schwule und Lesben einmal im Monat einen Gottesdienst in der Kirche St. Fidelis in Stuttgart.

 

 

Das Jubiläum der Gottesdienste von Schwulen und Lesben in der Kirche St. Fidelis in Stuttgart wurde im Frühjahr wegen Corona in aller Stille gefeiert. Ebenfalls im Stillen war das Angebot 1996 gestartet, initiiert von einem Kreis homosexueller katholischer Christen, von denen die meisten in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv gewesen waren. Josef Gloning vom Sprecherkreis erinnert sich, wie sie damals von Bischof Walter Kasper in einem persönlichen Gespräch gebeten wurden, die Angelegenheit nicht an die große Glocke zu hängen. „Er hatte nichts dagegen, aber er wollte nicht, dass Rom aufmerksam wird.“ 25 Jahre später bläst aus dieser Richtung noch immer Gegenwind.

Jüngst meldete sich der Vatikan mit dem Segnungsverbot von Homosexuellen zu Wort. Seitdem rollt eine Welle der Solidarität durch viele Kirchengemeinden. „Auf die vielen Reaktionen war Rom wohl ebenso wenig vorbereitet wie wir auf die vielen Sympathiebekundungen“, sagt Gloning. Es tue gut zu sehen, dass sich Menschen eine eigene Meinung bildeten. Zu denen gehört auch der katholische Stadtdekan Christian Hermes, der das Jubiläum in Stuttgart zum Anlass nahm, kirchenpolitisch Stellung zu beziehen. „Ich schäme mich, wenn meine Kirche das Leben von Menschen nicht unterstützt, sondern belastet. Kirche hat dem Leben zu dienen und die Würde des Menschen zu achten und zu fördern. Deshalb müssen wir auch bereit sein, homosexuellen Paaren einen Segen zu erteilen, wenn ihre Beziehung auf gegenseitigen Respekt, Treue und Würde baut.“

Viel Werbung hatten die homosexuellen Männer und Frauen für den ersten Gottesdienst im April vor 25 Jahren nicht gemacht, für den sie Rückendeckung vom damaligen Stuttgarter Stadtdekan Bernhard Kah und vom Kirchengemeinderat von St. Fidelis hatten. Sie hatten Handzettel gedruckt und verteilt. Dennoch seien rund 70 Besucher in die Kirche gekommen, sagt Gloning, der damals schon dabei war. „Fünf Tage später lag der Flyer auf dem Schreibtisch von Bischof Kasper, und Pfarrer Kneer und wir wurden zu ihm zitiert.“ Längst gehören die Schwulen-Lesben-Gottesdienste immer am dritten Sonntag im Monat zum Kirchenalltag. Im Schnitt kämen um die 20 Besucher, erzählt Gloning. „Insgesamt sind es rund hundert Männer und ein paar wenige Frauen, die regelmäßig oder unregelmäßig kommen.“ Abgehalten werden die Gottesdienste von einem guten Dutzend Priester aus der gesamten Diözese.

Matthias Haas ist seit 20 Jahren einer davon. „Homosexuelle haben genauso ihren Platz in der Kirche wie alle anderen Menschen auch. Die katholische Kirche lebt von ihrer Vielfalt“, sagt der Hochschulseelsorger in Stuttgart und stellvertretende Stadtdekan. Seit einem Vierteljahrhundert genießen die Homosexuellen die Gastfreundschaft in St. Fidelis und haben sich stets an die Abmachung gehalten, ihre Gottesdienste im Stillen zu feiern, ohne allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Uns ging es n nie um ein politisches Statement, sondern darum, gemeinsam Eucharistie zu feiern in einem geschützten Rahmen, wo sich niemand daran stört, wenn beim Friedensgruß ein Mann einen Mann umarmt“, sagt Josef Gloning.

 

 

Gottesdienst feiern.

Unterstützt werden die Initiatoren von einem guten Dutzend Priester aus der gesamten Diözese, die sich bei den Gottesdiensten abwechseln. Die Treffen finden jeden dritten Sonntag im Monat in St. Fidelis, Seidenstraße 39, statt.