Für Hinterbliebene ist der Abschied unter Coronabedingungen eine zusätzliche seelische Belastung. Der 73-jährige Bestatter Helmut Ramsaier hat Mitte der 90er-Jahre den Verband der kontrollierten Bestatter mit initiiert.

 

 

Helmut Ramsaier erzählt die Geschichte eines alten Ehepaars, das kinderlos war. Als der Mann hochbetagt stirbt, trauert die Frau sehr. Das einzige, das sie tröstet, ist ein kleines Herz aus Rosenquarz in ihrer Hand. Ein zweites Herz hat sie ihrem Gatten im Sarg in die Hand gedrückt und mit ihm beerdigt. Kleine Gesten in der Trauer können Trost spenden, erklärt der Vorsitzende des Verbands der kon­trollierten Bestatter Stuttgart. Doch gerade solche Gesten sind bei Coronatoten nicht gestattet. Nicht einmal einen Blick auf den geliebten Menschen dürfen die Trauernden werfen. „Dabei ist der Abschied von Angesicht zu Angesicht wichtig“, sagt Helmut Rams­aier. Der 73-Jährige hat Mitte der 1990er-Jahre den Verband der kontrollierten Bestatter mit initiiert und gegründet und ist seit Anfang an dessen Vorsitzender. Die Organisation stehe für Qualität, faire Preispolitik und Kostentransparenz, erläutert Ramsaier. Hinterbliebene könnten sich bei allen Fragen und Problemen an den Verband wenden, erläutert Helmut Ramsaier. „Sollte es zwischen Kunde und Bestatter Unstimmigkeiten geben, setzen wir ein unabhängiges Schiedsgericht ein, das solche Fälle prüft und dessen Entscheidung für die Mitglieder bindend ist.“

Einen würdevollen Abschied von Menschen, die an Covid-19 verstorben sind, kann der Verband allerdings nicht einfordern, obwohl es sein Vorsitzender gern tun würde. Der Tod in Coronazeiten kommt noch einsamer und bedrohlicher daher. Bei Beerdigungen gelten in allen Gebäuden und unter der Trauergemeinde Abstands- und Hygieneregeln, die Zahl der Trauergäste wird von Inzidenzen bestimmt. Vor allem aber dürfen die Angehörigen den geliebten Verstorben nicht mehr sehen, nicht mehr berühren. Doch gerade dieser körperliche Moment des Abschieds ist enorm wichtig, weiß Helmut Ramsaier. „Das ist der Moment, in dem Unausgesprochenes vergeben und verziehen werden kann. Das geht aber nur von Angesicht zu Angesicht, wenn der Mensch da ist. Wenn nicht, können Schuldgefühle im Hinterkopf bleiben.“ Liegt der geliebte Mensch aufgrund einer nachgewiesenen Infektion mit Covid-19 in einem Bodybag, einem weißen Leichensack, ist das eine zusätz­liche Belastung. Auch später darf der gekennzeichnete Sarg nicht geöffnet werden. Eine angemessene Verabschiedung findet nicht statt.

Der Bestatter hat oft genug erlebt, dass all diese Umstände den Trauerprozess erschweren, dessen Ziel es ist, in eine lebensbefreiende Trauer zu kommen, und sich nicht durch Schuldgefühle zu blockieren. „Aber oft werfen sich die Angehörigen vor, dass sie es nicht verhindern konnten, dass sich der oder die Verstorbene angesteckt hat“, berichtet Helmut Ramsaier. So bleibe viel Ungutes, Unausgesprochenes zurück, und noch könne niemand sagen, welche Folgen das für den Seelenzustand der Hinterbliebenen haben werde. Auch Besuche am Grab könnten so weniger tröstlich sein.

„Obwohl gerade Friedhöfe für viele Menschen eine wichtige Funktion bei der Trauer­bewältigung haben.“ Helmut Ramsaier ist indes überzeugt, dass ein würdevoller Abschied auch von Covid-19-Toten möglich ist. „Wenn wir einen Menschen haben, der an hochansteckender Tuberkulose gestorben ist, und das gibt es in diesen Zeiten auch noch, verschließen wir alle Körperöffnungen mit Mull. Das wäre bei einer Corona­infektion ebenso machbar – unter Berücksichtigung aller bestehenden Hygienevorschriften.“

 

 

Mehr Informationen zum Verband kontrollierter Bestatter in Stuttgart auf der Homepage unter: http://www.bestatterverband-stuttgart.de/ Hier findet man auch wichtige Informationen, was beim Todesfall für Angehörige zu beachten ist.