Wie wird die neunjährige Viktoria die Flucht aus der Ukraine seelisch verkraften? Tipps für Eltern bei Flucht und Trauma.

 

 

Anfang März flog beim Spazierengehen in Ukrainka, einer rund 16 000 Einwohner zählenden Stadt circa 30 Kilometer östlich von Kiew, eine russische Rakete über Katya Nakaliuzhna hinweg. Es sei wie ein Erdbeben gewesen, erzählt die 35-Jährige. Danach fasste sie einen weitreichenden Entschluss. In der darauffolgenden Nacht floh sie mit ihrer neunjährigen Tochter Viktoria vor dem Krieg in der Ukraine. Ohne ihren Mann und Viktorias Vater Aleksandr, der wie alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht verlassen darf. Mutter und Tochter leben mittlerweile in einer kleinen Wohnung im Fellbacher Stadtteil Oeffingen.

Nach wie vor, sagt Katya Nakaliuzhna, sei sie überzeugt, dass die Flucht vor dem Krieg die richtige Entscheidung war. Aber auch das Leben in der Fremde stellt sie und ihre Tochter vor neue Herausforderungen. Und es noch völlig ungewiss ist, wie Viktoria die Erlebnisse von Krieg und Flucht verkraftet. „In der Ukraine gibt es noch immer jeden Tag mehrmals Bombenalarm. Schulunterricht findet nicht statt, und Viktoria, die seit ihrem vierten Lebensjahr Rhythmische Sportgymnastik macht, könnte nicht ins Training gehen“, sagt die Übersetzerin. Hier besuche die Neunjährige die Oeffinger Schillerschule und trainiere im Bundesstützpunkt in Schmiden. „Sie hat jetzt wieder ein einigermaßen normales Leben.“

Dennoch hat die Mutter den Eindruck, dass die Situation ihre Tochter zunehmend belastet. Anfangs sei alles neu und aufregend gewesen, jetzt weine die Kleine häufiger als zu Beginn, sagt Katya Nakaliuzhna. Die regelmäßige Videocalls mit ihrem Vater Aleksandr in Ukrainka würden nur bedingt helfen. „Während der halben Stunde ist sie fröhlich und freut sich, aber abends kommt die Traurigkeit. Und sie fragt oft, warum es so unfair ist und warum der Papa nicht wenigstens für ein paar Tage zu uns kommen kann.“ Außerdem frage sie häufig, wann sie wieder zurück in die Ukraine gingen, erzählt Katya Nakaliuzhna. „Was soll ich darauf sagen? Ich weiß es doch selbst nicht.“ Am besten sei es, solche Fragen der Kinder ehrlich zu beantworten, nicht zu lügen und auf keinen Fall falsche Versprechungen zu machen, sagt Dr. Cedric Sachser von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm.

Eltern sollten auch offen mit eigenen Sorgen umgehen, danach aber auch über Stärken reden. Auch über den Krieg sollten sie mit ihren Kindern sprechen, empfiehlt Sachser. „Dabei sollten der Wissensstand und die Gefühle des Kindes erfragt werden, damit Missverständnisse und Fehlinformationen ausgeräumt werden können.“ Oft äußerten sich die seelischen Belastungen bei Kindern körperlich in Form von Kopfschmerzen, fehlendem Hunger oder Bauchschmerzen, sagen die Experten.

 

 

Was können Eltern tun? Informationen zum Thema „Flucht und Trauma – was können Eltern tun?“ – und zwar auf Deutsch, Ukrainisch und Russisch – finden sich unter dem Link https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/flucht-und-trauma/.