Acht Wochen nach der sogenannten Krawall-Nacht von Stuttgart sind 72 Tatverdächtige erfasst worden, 22 Tatverdächtige sitzen in U-Haft – Präventionsprojekt der Mobilen Jugendarbeit ist genehmigt worden.

 

 

In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni hat Stuttgart seinem Ruf als „sicherste und sauberste Landeshauptstadt“ keine Ehre gemacht. Bilder von Plünderungen und Krawallen machten bundesweit die Runde. Acht Wochen nach den Ausschreitungen hat die Polizei 72 Tatverdächtige ermitteln können, einen großen Teil derer, die tatsächlich gewalttätig waren. „400 bis 500 Personen, schätzen wir, waren nicht aktiv an den Handlungen beteiligt, aber sie haben das Geschehen verfolgt, gefilmt, haben gelacht, teilweise angefeuert“, sagt Polizeisprecherin Monika Ackermann. Auch wenn die einzelnen Motive der Täter noch im Dunkeln liegen, zeichnet sich ein ungefähres Bild ab: „Wir haben einen 13-Jährigen dabei und einen 33-Jährigen“, sagt Ackermann. „Aber das ist nicht der Durchschnitt.“

Die meisten seien „Heranwachsende“, Anfang oder Mitte zwanzig. 38 kommen tatsächlich aus Stuttgart, 25 aus Städten und Orten um die Landeshauptstadt herum. Vier sind ohne festen Wohnsitz, „das heißt, dass man hinterfragen muss, wo sie tatsächlich gemeldet sind“. Zwei kommen aus anderen Bundesländern. Innerhalb von zehn Minuten seien die Videos verbreitet gewesen, teilweise haben sich die Täter selbst gefilmt. „Aufgrund von den bisherigen Ermittlungen gehen wir nicht davon aus, dass dieser Ausbruch an Gewalt organisiert war“, sagt Ackermann. Dass man sich aber über fünf Ecken kennen könnte, was auch die sozialen Netzwerke nahelegen würden, sei nicht auszuschließen.

„Wir werden sehen, ob der Eckensee oder der Schlossplatz auch weiterhin die großen Anziehungspunkte für junge Leute sind“, sagt Armin Biermann, Fachbereichsleiter der Jugendarbeit bei der Caritas. Der Platz vor der Liederhalle oder der Santiago-de-Chile-Platz seien ebenfalls beliebt. Auf ihn und seine Kollegin Cathrin Maier von der Evangelischen Gesellschaft (Eva) ist die Stadt Stuttgart nach der Krawallnacht zugekommen. Die Mobile Jugendarbeit (MJA) ist in ihren Ressorts angesiedelt.

Fünf Streetworker werden ab 1. November zusätzlich in der Innenstadt unterwegs sein. „Auch wenn es eine Plattitüde ist: Die Corona-Pan­demie hat das hervorgebracht, was zuvor schon im Argen lag“: den Fokus auf junge Heranwachsende zu legen. „Die Stärke der Mobilen Jugendarbeit ist es, eine dauerhafte Beziehung aufzubauen.“ Der Einsatz der Streetworker im Zen­trum ist auf vier Jahre angelegt. „Ganz bewusst wird das Projekt wissenschaftlich begleitet.“

 

 

„Neuland“ auch für Mobile Jugendarbeit

45 Personen aus der Tätergruppe sind schon polizeilich in Erscheinung getreten. 22 Tatverdächtige sitzen jetzt in Untersuchungshaft, gegen elf ist ein offener Haftbefehl erlassen worden. Dank sogenannter Super- Recognizer – Polizeibeamte, die sich anhand weniger Merkmale Menschen sehr schnell einprägen können – konnten Personen wiedererkannt werden. Die Mobile Jugendarbeit (MJA) ist in den Stadtteilen stark vertreten, ebenso rund um die Stadtbibliothek. Das Gebiet zwischen Gerberviertel und Hauptbahnhof ist ab 1. November „Neuland“ für die fünf MJA-Streetworker.