100 Jahre alt wäre Sophie Scholl im Mai 2021 geworden: Autor und Journalist Hermann Vinke hat sich vor 40 Jahren erstmals auf Spurensuche begeben – und blieb im Stuttgarter Osten bei Fritz und Elisabeth Hartnagel hängen.

 

 

Am Haus in der Roßbergstraße im Stuttgarter Osten erinnert keine Gedenktafel daran, welche Bedeutung es hat. Dort bewahrte Fritz Hartnagel den umfang­reichen Briefwechsel mit seiner früheren Verlobten Sophie Scholl auf, die am 22. Februar 1943 mit 21 Jahren im Gefängnis München-Stadelheim von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. Nach dem Tod von Fritz Hartnagel im April 2001 händigte dessen Witwe Elisabeth, geborene Scholl, den Briefwechsel ihres Mannes mit ihrer ein Jahr jüngeren Schwester an den Historiker, Journalisten und Autor Hermann Vinke aus. Sein Buch „Hoffentlich schreibst du recht bald. Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Eine Freundschaft 1937–1943“ erschien 2006.

Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl, die in Forchtenberg aufwuchs und in Ludwigsburg und Ulm wohnte, 100 Jahre geworden. Im Haus der Geschichte in Stuttgart will man – sollte es die Corona-Pandemie nicht verbieten – an die junge Widerstandskämpferin erinnern, und das Sophie-Scholl-Museum in Forchtenberg legt ein Gedenkbuch mit Zeitzeugenberichten auf. Sichtbare Spuren der Weißen Rose finden sich in Stuttgart wenige.

Das Haus der Geschichte hat das sechste und letzte Flugblatt vom 16. Februar 1943 in seiner Sammlung und will im Jubiläumsjahr von Sophie Scholl Führungen zum Thema „Widerstand im NS“ machen, berichtet Lydia Meißner von der Pressestelle. „Und wir wollen einen Stadtrundgang zu Orten des Widerstands anbieten, der auch die Erinnerungsorte in der Stadt in den Blick nimmt.“ In welcher Form diese Formate umgesetzt werden können, ob live, hybrid oder virtuell, hänge jedoch von der Corona-Situation im Mai ab.

Auch das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch, sonst eifrig bemüht, das historische Andenken an die Weiße Rose und ihre Protagonisten zu bewahren, wird durch die Corona-Pandemie ausgebremst, will den Gedenktag aber würdigen. Während in der historischen Aufarbeitung Sophie Scholl meist im Schatten ihres Bruders Hans steht, fokussiert sich Hermann Vinke auf die jüngere Schwester. Die Informationen für sein Buch „Sophie – das kurze Leben der Sophie Scholl“, das 1980 erschienen ist, hatte er ein Jahr zuvor in Stuttgart gesammelt. „1979 war ich das erste Mal bei Elisabeth und Fritz Hartnagel in der Roßbergstraße, und es war das erste Mal, dass Fritz Hartnagel in einem Interview über Sophie Scholl sprach“, erinnert sich Vinke.

Das Gespräch mit Fritz Hartnagel hat er noch auf Tonband. „Es war das schwierigste, das ich je zu Sophie Scholl geführt habe“, erzählt der 80-Jährige. Letztlich habe Fritz Hartnagel ihm aber wertvolle Informationen über den Charakter von Sophie Scholl geliefert. So habe Sophie Scholl ihrem Verlobten vorgeworfen, dass er sich am Krieg beteiligte. „Und mir ist auch klar geworden, dass Fritz Hartnagel der wichtigste Geldgeber der Weißen Rose war“, sagt Vinke, der die Freundschaft zwischen dem spä­teren Richter in Stuttgart und der Widerstandskämpferin in insgesamt zwei Büchern dokumentiert hat.

Die Briefwechsel, die Hermann Vinke von Elisabeth Hartnagel bekam, lieferten weitere wertvolle Erkenntnisse. Die Verlobten hatten sich seit ihrem Kennenlernen 1937 mindestens ein- bis zweimal die Woche geschrieben. „Ich durfte bei Elisabeth Hartnagel übernachten und habe Stapel für Stapel in einem benachbarten Copyshop kopiert“, erinnert sich der Journalist, viele Jahre ARD-Auslandskorrespondent in Fernost und Nordamerika. Elisabeth Hartnagel lebte bis kurz vor ihrem Tod im vergangenen Februar im Alter von 100 Jahren in Stuttgart.

 

 

Zum 100. Geburtstag Sophie Scholls

m Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stuttgart-Sillenbuch geben ältere Schülerinnen und Schüler ihr Wissen über Hans und Sophie Scholl an jüngere weiter. Außerdem hat die Literatur- und Theatergruppe einen Film über Sophie Scholl gedreht, der intern angeschaut werden kann. Spuren der Familie Scholl finden sich vor allem in Forchtenberg, einem nostalgischen Städtchen im Hohenlohekreis.

Die Historikerin Renate S. Deck hat eine Gedenkstätte und einen Themenlehrpfad über die „Weiße Rose“ und Stationen im Leben von Hans und Sophie Scholl aufgebaut. Mehr unter www.forchtenberg.de. Sobald Führungen erlaubt und Termine geklärt sind, findet man mehr dazu beim Haus der Geschichte unter www.hdgbw.de. Hermann Vinkes Biografie „Fritz Hartnagel, Der Freund von Sophie Scholl“ ist im Arche-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Zum 100. Geburtstag haben Maren Gottschalk, Robert M. Zoske und Simone Frieling neue Biografien veröffentlicht.