Die Biografie von Laura Halding-Hoppenheit ist so bunt, dass man damit ganze Bücher füllen könnte. Oder einen Film machen. Schwulenregisseur Rosa von Praunheim wird das im März 2013 tatsächlich in die Tat umsetzen und der Betreiberin des Kings Club und „Übermutter der Schwulenszene im Großraum Stuttgart“ einen Film widmen.

Ohne Sonnenbrille geht sie nicht aus dem Haus, und nach ihrem Alter darf man Laura nicht fragen, aber das ist auch gar nicht so wichtig, denn Laura sprüht nach wie vor vor Energie und ist voller Tatendrang. Ihre Biografie liest sich spannender als ein Drehbuch: In Bukarest studierte sie Kunstgeschichte und Archäologie, mit einem Promotionsstipendium strandete sie in Hamburg, wo sie „aus Not“ heiratete. „Ich sprach kein Wort Deutsch und wollte eigentlich nach Paris.“ Nach sechs Monaten folgte die Scheidung, kurz darauf heiratete sie den Trauzeugen ihrer ersten Hochzeit, brach das Studium ab, bekam zwei Kinder und zog mit ihrem Mann nach Stuttgart, weil er hier die Stelle eines Chefredakteurs bekam. Beide Kinder gingen auf die Merzschule. Auch diese Ehe ging kaputt, weil ihr Mann nicht akzeptieren konnte, dass sich Paradiesvogel Laura nicht in die konservative Gesellschaft inte­grieren wollte.Als Laura vor 35 Jahren nach Stuttgart kam, arbeitete sie schon im Kings Club, dem Schwulenclub in Stuttgart. „Es war Liebe auf den ersten Blick. Stuttgart hat mich total akzeptiert, ich liebe Stuttgart“, schwärmt sie. 2012 feierte der Kings Club sein 35-Jahr-Jubiläum. 1977 war Schwulsein ein viel größeres Tabu als heute, es gab keine schwulen Stadträte, keine schwulen Bürgermeister. Laura machte im Kings Club alles, fand sofort ihren Platz im Leben: Garderobe, Bar, Karten legen, Psychologin. „Schwul sein war tabu, Schwule wurden verprügelt, beraubt, gedemütigt. Die Menschen haben im Club schon auf mich gewartet, da haben sich Dramen abgespielt. Hier im Kings Club hatten und haben sie ihren geschützten Raum, zum Reden, zum Tanzen, zum Feiern, hier haben sie sich stark gefühlt. Wir waren und sind eine große Familie, hier wurde so manche schwule Ehe gestiftet“, erzählt Laura. Auch Harald Glööckler war eines ihrer „Kinder“ im Kings Club: „Alle Stuttgarter Schwulen sind stolz auf Harald.“ Drinnen Harmonie, draußen Krawall: Mehr als einmal waren die Autos der Schwulen zerstört oder wurde Club-Besuchern aufgelauert und wurden sie verprügelt. „Die Diskrepanz zwischen Glück im Club und Angst draußen war damals extrem“, erinnert sich Laura. Damals war die Schwulenszene eleganter, viele ältere, reichere Männer kamen, sogar aus der Schweiz. Heute ist das Publikum um einiges jünger“, erzählt Laura.„Ich habe meine Arbeit immer nach außen getragen, immer gesagt, wir müssen für Respekt und Akzeptanz in der Gesellschaft kämpfen und gegen Diskriminierung der Schwulen, wir sind ein Teil davon“, sagt sie mit Feuer in den Augen. Gesagt, getan: Laura wurde zum Sprachrohr und zur Kämpferin der Schwulenszene. Als dann 1982 das Thema HIV und Aids aufschlug, erweiterte sich ihr Aufgaben­gebiet. Sie gründete eine Selbsthilfegruppe. Mehr als einmal war sie die Einzige, die einen sterbenden Aidskranken im Katharinenhospital besuchte und ihm bis zum Tod die Hand hielt. „Eine schreckliche Zeit, ich ging pro Woche auf zwei Beerdigungen von meinen Gästen“, erinnert sich Laura. Mit Reichtümern kann Laura nichts anfangen, ihre Wohnung im Herdweg ist gemietet, ihr Auto geleast. Alles Geld steckt sie in die Szene und in ihre ehrenamtliche Arbeit. „Die Schwulen haben 30 Jahre lang ihr Geld in den Kings Club getragen, jetzt gebe ich es Stuttgart zurück“, sagt sie. Sie engagiert sich bei Lagaya (Hilfe für suchtmittelabhängige Frauen), in Mutter-Kind-Projekten und bezahlt aus eigener Tasche stundenweise eine Streetworkerin, die sich im La Strada um südosteuropä­ische Huren in der Altstadt kümmert. Als Mutter Teresa möchte sie sich nicht bezeichnen. Aber eigentlich ist sie das irgendwie doch. Oder warum sonst lässt sie bedürftige Stricher bei sich oder im Kings Club übernachten, wenn die Not groß ist?Heute ist Laura ehrenamtlich in ganz Deutschland emsig für die Aidshilfe unterwegs. Sie ist Ehrenmitglied der Deutschen Aidshilfe, spendiert bei Veranstaltungen die Getränke, organisiert Infoveranstaltungen. Dann noch zwei Enkel in Köln: Langweilig wird es Laura nie. „Aber immer wenn ich in einer anderen Stadt bin, habe ich Sehnsucht nach meinem Kings Club“, gibt sie zu. In Stuttgart hat Laura im Laufe der Jahre vier Clubs betrieben: Lauras Club, Boots und Lauras Pub. „Ich bin rumgerannt wie eine Verrückte“. Mittlerweile betreibt sie nur noch den Kings Club. „Ich arbeite, bis ich 100 bin“, kündigt sie an. Für die Linke wird sie auch bei der nächsten Gemeinderatswahl antreten. Stolz ist sie auf 13 000 Stuttgarter, die sie bei der letzten Wahl gewählt hatten. „Die Bürger kennen mich und vertrauen mir, aber nicht wegen der Partei.“Noch vieles ließe sich über Lauras Leben erzählen, beispielsweise, dass Skandalnudel Helmut Berger – meist in volltrunkenem Zustand – von 1998 bis 2002 in ihrer Stuttgarter Wohnung bei ihr wohnte (ab dieser Woche im RTL-„Dschungelcamp“ zu bewundern) oder dass sie ein Kleid von Prinzessin Soraya besitzt. Allein, es reicht der Platz nicht.