Die Regierungsdirektorin ist seit 2004 Leiterin des Hauptzollamts in Stuttgart
Auch das Hauptzollamt hat im vorigen Jahr die Wirtschaftskrise zu spüren bekommen: "Nur" 2,7 Milliarden Euro betrugen die Einnahmen des Amts, das ganz banal Verbrauchssteuern erhebt, aber auch Schwarzarbeit bekämpft und mit Waffen- und Rauschgiftschmuggel, Produktpiraterie und unzulässigen Arzneimitteleinfuhren konfrontiert wird. An der Spitze der 600 Mitarbeiter starken Behörde steht eine Frau: Angelika Kaag.
Im ersten Moment ist eine gewisse Irritation nicht zu leugnen: Sieht so jemand aus, der täglich mit Schlitzohren, Schmugglern, Schwarzarbeitern und Steuersündern zu tun hat? Eher nicht, aber wenn Angelika Kaag erzählt, dass der Großvater und der Urgroßvater Zöllner waren, scheint eine "genetisch bedingte" Veranlagung nicht ausgeschlossen, zumindest aber eine echte Familientradition zu bestehen.
Die 57-jährige gebürtige Stuttgarterin ist mit Leib und Seele beim Zoll: "Die Arbeit fasziniert mich jeden Tag, sie ist nie langweilig."
Am stärksten im Fokus der Öffentlichkeit stehen die Kontrollen des Zolls im Warenverkehr bei den Zollämtern und besonders beim Reiseverkehr am Stuttgarter Flughafen. Eines stellt sie gleich zu Anfang klar: "Zöllner sind keine Wegelagerer, wie es gerne dargestellt wird."
Allein im vorigen Jahr wurden bei den Zollämtern Böblingen, Flughafen, Hafen, Winnenden und Zuffenhausen sowie im Reiseverkehr am Flughafen nicht angemeldete Mitbringsel im Wert von mehr als 800 000 Euro, nicht angemeldetes Bargeld von 5,1 Millionen Mark, 182 Fälle von Produktpiraterie, 46 000 einfuhrverbotene Tabletten, 189 Tiere und Pflanzen, die als geschützt gelten, knapp 30 Kilogramm Rauschgift und 122 verbotene Waffen registriert.
"Die Schäppchenmentalität" sieht Angelika Kaag als Hauptursache für die hohe Zahl der Verstöße speziell bei Tabletten, die oft von Privatpersonen im Ausland online bestellt werden.
Besonders häufig geraten Textilien, Spielzeug, Schuhe, Uhren, Schmuck und Kosmetika wegen des Missbrauchs von Marken- und Geschmacksmusterrechten ins Visier der Mitarbeiter, weiß die Zollamtschefin.
Eher zwiespältig ist ihr Urteil, was die zahlreichen Doku-Soaps im Fernsehen über die Arbeit des Zolls angeht: "Es hilft, wenn die Sendung seriös gemacht ist, die Bürger für die Arbeit des Zolls zu sensibilisieren. Die Gefahr ist ihrer Meinung nach, dass das Bild von der Arbeit des Zolls leicht ins Gegenteil verkehrt werden kann und die Beamten in ein schlechtes Licht gerückt werden.
Wer glaubt, dass in der Überwachung des Reiseverkehrs die wichtigste Einnahmequelle des Zolls liegt, der irrt. Die Einnahmen des Hauptzollamts von 2,7 Milliarden Euro resultieren überwiegend aus der Erhebung von Einfuhrumsatzsteuer mit 1,4 Milliarden Euro und aus den besonderen Verbrauchsteuern mit 1,1 Milliarden Euro. Die beiden aufkommensstärksten Verbrauchsteuern sind dabei die Stromsteuer mit 590 Millionen Euro und die Energiesteuer mit 498 Millionen Euro.
"Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt und wird entsprechend verfolgt", betont Angelika Kaag und meint damit die dritte große Säule der Tätigkeiten des Hauptzollamts, bei der die Mitarbeiter der Finanzkontrolle gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung im Großraum Stuttgart ankämpfen. "Bei den 3128 Strafverfahren sind Geldstrafen in Höhe von 987 000 Euro und mehr als 46 Jahre Freiheitsstrafe erwirkt worden. Im Bereich der Ordnungswidrigkeiten wurden 977 Verfahren abgeschlossen. Daraus ergaben sich Bußgelder in Höhe von 500 000 Euro, blickt Angelika Kaag auf das Jahr 2009 zurück.
Einiges an zusätzlicher Arbeit erwartet sie in den nächsten Jahren bei den Bauarbeiten für Stuttgart 21. "Oft sind es nicht die beauftragten Baufirmen, sondern die sogenannten Subunternehmer, die versuchen durch illegal Beschäftigte ihren sozial- und arbeitsrechtlichen Verpflichtungen nicht nachzukommen.
Stolz ist sie, dass es ihr gelungen ist, den Wandel von einer klassischen Fiskalbehörde zu einer modernen Wirtschaftsverwaltung mit hohem Dienstleistungscharakter voranzutreiben. "Anders als früher ist der Umgang mit den Mitarbeitern partnerschaftlicher geworden. Meine Tür steht immer offen, sagt die Juristin.
Vor 29 Jahren hat Angelika Kaag bei der Zollverwaltung in Stuttgart angefangen. 1984 leitete sie bereits das Hauptzollamt Würzburg. "Da waren die an Frauen noch nicht gewöhnt", lacht sie.
Nachdem sie einige Jahre nach der Geburt ihres inzwischen verheirateten Sohnes zu Hause geblieben war, ging ihr berufliche Karriere kontinuierlich voran.
Seit dem Jahr 2000 ist sie beim Hauptzollamt, 2004 übernahm sie die Leitung.
In der knapp bemessenen Freizeit geht sie gerne mit ihrem Mann auf Reisen, hält sich mit Skilanglauf, vor allem aber mit Gärtern fit. "Da ist es wie beim Zoll, da geht die Arbeit nie aus."