Kein Dach überm Kopf (V): Die Wochenblatt-Serie beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit in der Großstadt – Wie ist es, auf der Straße zu leben? Lukas erzählt seine Geschichte.

 

 

 

Mit einem Fahrradschlauch in der einen und dem dazugehörigen Mantel in der anderen Hand steht Lukas (seinen Nachnamen möchte er nicht nennen) vor dem Wagen von Harrys Bude an der Kirche St. Maria in der Tübinger Straße. „Das ist schon der dritte in dieser Woche“, sagt der gut gelaunte junge Mann mit den Dreadlocks. Er arbeitet zwei- bis dreimal in der Woche ehrenamtlich für Harry. Er verteilt hauptsächlich Essen an Bedürftige. „Es darf hier aber jeder kommen und Essen abholen. Viele geben dann eine Spende. Es geht uns darum, das Essen, das sonst weg­geworfen würde, zu retten“, erklärt er.

Dass der 27-Jährige schon eine zehnjährige Drogenkarriere hinter sich hat, würde man auf den ersten Blick nicht denken. Doch die Sucht hat Spuren hinterlassen – sowohl in seinem Leben als auch an seinem Körper. Er sei sehr behütet aufgewachsen und habe immer alles gehabt, was er gebraucht hatte. „Mit 14 Jahren hat alles relativ normal mit Alkohol und ab und zu einem Joint angefangen. Mit 15 kamen dann Partydrogen dazu. Als ich 17 war, habe ich das erste mal Heroin genommen und bin ein Jahr später dann komplett darauf abgestürzt“, erklärt er. Kurz dar­auf lief sein Leben komplett aus dem Ruder. Job weg, Freundin weg, Wohnung weg. Lukas landete auf der Straße und war von heute auf morgen obdachlos. „Ich war etwa ein Jahr in Freiburg und dann etwa drei Jahre in Stuttgart obdachlos.“ Die Drogensucht bestimmte zu dieser Zeit sein Leben. „Wenn du auf der Straße lebst, verlierst du jegliche Perspektive und Hoffnung. Und das Schlimme ist, du merkst es nicht mal. Ich sag da immer totaler Realitätsverlust dazu“, meint Lukas.

Wie hart das Leben auf der Straße sein kann, merke man vor allem im Winter. „An einem richtig kalten Tag habe ich mal neun verschiedene Notunterkünfte angerufen. Keine hatte einen Platz für mich frei. Da bleibt dir eigentlich nur noch die Bankfiliale im Bahnhof oder ein McDonald’s, in den man sich reinsetzen kann. Manchmal bin ich auch mit der S-Bahn rumgefahren“, berichtet er.

In dieser Zeit gehörte auch Beschaffungskriminalität zu seinem Alltag. 100 Euro musste Lukas täglich beschaffen, um seine Heroinsucht zu finanzieren. „Das ist so viel Geld, das ist ohne Kriminalität gar nicht machbar“, sagt er. Das hat ihn auch insgesamt drei Mal hinter Gitter gebracht. Die letzte Haft dauerte zwei Jahre und hat sein Leben verändert. „Es war gut, dass ich für zwei Jahre in den Knast musste“, sagt er. „Die Erkenntnis, etwas zu ändern, kam erst nach einem Jahr. Der Knast hat mich wach gerüttelt.“ Im Gefängnis hat er einen Job in der Landwirtschaft bekommen. „Ich habe schnell gemerkt, dass mir die regelmäßige Struktur und die sinnvolle Beschäftigung total guttun. Ich hatte das erste Mal wieder eine Idee, wie es für mich in Zukunft weitergehen könnte“, sagt Lukas. Dort habe er, durch einen mit gefangenen Agrarwissenschaftler, seine Leidenschaft zum Gärtnern entdeckt. „Ich habe gemerkt, dass das voll mein Ding ist. Auch weil ich mich vegetarisch ernähre und mich für Ernährung interessiere.“ Wieder in der Freiheit, lebt Lukas zunächst in einer Notunterkunft. Nach zwei Monaten wird ihm dann, nach vielem Bitten, eine Wohnung bereitgestellt. „In der Notunterkunft gibt es viele Abhängige. Ich wollte unbedingt so schnell wie möglich weg von dem Klientel“, sagt er.

Auch die ehrenamtliche Arbeit bei Harrys Bude und die Menschen, die er dort kennengelernt hat, haben ihm geholfen, ein ge­regeltes Leben zu führen. „Ich habe es geschafft, wieder eine feste Struktur in mein Leben und auch in meinen Kopf zu bekommen.“

Das Vertrauen, das ihm hier entgegengebracht wird, motiviere ihn zusätzlich. „Ich hab mich hier mittlerweile voll etabliert. Ich kann Entscheidungen selbst treffen. Hier steht auch immer eine Kasse rum. Das zeigt schon viel Vertrauen in mich“, sagt Lukas. Das bestätigt auch die Reaktion der Menschen, die im Laufe des Vormittags vorbeikommen, sich mit ihm unterhalten und ihn um Hilfe bitten. Für seine weitere Zukunft hat der 27-Jährige genaue Pläne. „Ich will unbedingt eine Ausbildung zum Gemüsegärtner machen. Gestern hatte ich auch die letzte meiner 100 Sozialstunden. Das ist wieder eine Altlast, die jetzt weg ist. Das macht glücklich“, freut er sich.

 

Harrys Bude  verteilt Essen 

Was bedeutet es, in einer großen Stadt wie Stuttgart obdachlos zu leben? Die Serie „Kein Dach überm Kopf“ ging in den letzten Wochen dieser und vielen weiteren Fragen nach. Weitere Informationen zu Harrys Bude gibt es unter: www.harrys-bude.org .